Gegen das Vergessen – Studienfahrt nach Auschwitz 2012

25. März 2012 – Stammlager Auschwitz: Seit sieben Jahren begleite ich jährlich eine Schülergruppe der Erich Kästner Schule nach Auschwitz. Heute sind viele Menschen dort, vor allem israelische Gruppen, die man an ihren Fahnen erkennen kann. Parallel zu uns geht eine jüdische Mädchengruppe durch die Ausstellungen. Ein Rabbi begleitet sie. Einige Mädchen weinen und beten. Vor Betreten des Krematoriums warten wir, bis der Rabbi mit einer weinenden jüdischen Schülerin den Schreckensort verlässt. Das Bild, wie diese jungen Menschen durch das Vernichtungslager gehen, bewegt uns tief. Als wir am letzten Abend in Oswiecim auf eine intensive Woche der Erinnerungsarbeit zurückschauen, ist es wieder präsent. Neben dieser Beobachtung ist vielen die Kinderbaracke mit ihren bunten Zeichnungen, darunter eine Schule, tief im Gedächtnis geblieben. Andere Teile der Ausstellung ebenfalls: die Berge von Gegenständen, die den Opfern gehörten, z.B. Zahnbürsten und Rasierpinsel, die so genannte “Sauna”, Bilder, die Häftlinge vom Alltag im Vernichtungslager malten, oder die Fotografie von einem SS-Offizier bei der Selektion, wo der Daumen, der Leben oder Tod bedeutet, im Schatten abgebildet ist.
Dass wir in diesem Jahr wieder einen Zeitzeugen kennen lernen durften, betrachteten wir als besondere Ehre. Der 86jährige Professor Waclaw D?ugoborski hat erst in diesem Jahr begonnen, vor deutschen Schülern über seine Zeit im Vernichtungslager zu berichten. Er tut dies sehr gefasst. Zwei Szenen werden wir nicht vergessen: Er berichtete, wie in der Zeit des Eintreffens der Massentransporte aus Ungarn die Schlange zur Gaskammer so groß war, dass eine auf den Tod wartende Gruppe drei Tage lang im Badehaus ausharren musste. Und er erzählte von einer kleinen Freude im Lager, dem Fußballspiel.
Die Erich Kästner-Schüler bewältigten in der Woche ein umfangreiches Programm: Stadtführung in Oswiecim, Gottesdienst in der Maximilian-Kolbe-Kirche, Besuch des jüdischen Friedhofes, Führung durch das Stammlager und das Außenlager Birkenau, Gespräch mit dem Auschwitz-Überlebenden, Besuch einer polnischen Schule, Gang durch die Nationenausstellungen, Führung durch die Kunstausstellung im Stammlager, Kennenlernen des jüdisches Lebens in Krakau, Gedenkfeier an der Todesmauer, jeden Abend Gespräch über das Erlebte.
Die Fahrt nach Polen war für die 13 Teilnehmer eine intensive Erfahrung. In den Reflexionsgesprächen ging es immer wieder um die Frage, ob die Darstellungen der Opfer im Museum würdevoll sind. Dass diese Frage auch bei den Verantwortlichen im Museum zurzeit diskutiert wird, konnten die Schüler beim Projekt “Fotografien in Auschwitz” erfahren, das die Gruppe gemeinsam mit Mitarbeitern der Internationalen Jugendbegegnungsstätte durchführte. Die Studienreise wird gefördert durch die Hessische Landeszentrale für politische Bildung und durch die Aktion Sühnezeichen. Wir sind dankbar dafür.
Marianne Hartung

 

Schulerinnen berichten:

Sonntag, 25. März 2012
Sonntag war unser erster Tag in Polen.
Nach dem Fruestück besuchten wir einen polnisch-katholischen Gottesdienst in der Maximilian-Kolbe-Kirche. (Maximilian Kolbe ist hier sehr hoch angesehen, da er sein Leben fuer einen anderen im Konzentrationslager opferte.) Diese moderne Kirche haben wir als sehr schön empfunden, sie ist sehr groß und überall findet man Bilder und Symbole, die auf Maximilian Kolbe und Auschwitz hindeuten (z.B. ein Christus mit dem Winkel als Kennzeichen für einen Häftling in Auchwitz).
Direkt im Anschluss gingen wir mit unserem Guide auf den Judenfriedhof. Wir waren sehr erstaunt darüber, wie schlicht dieser war. Die Juden legen Steine an die Gräber anstatt Blumen, weil Blumen vergänglich sind und Steine für immer halten.
Auf dem Rückweg zur Jugendbegegnungsstätte kamen wir an einem polnischen Markt vorbei. Das war auch eine sehr interessante Erfahrung fuer uns.
Nach dem Mittagessen liefen wir zum Stammlager Auschwitz. Dort hatten wir einen polnischen Guide, der uns begleitete. Wir begannen mit den geschichtlichen Grundlagen, die sich an den weiteren Stationen vertieften. Erschrocken waren wir von den gesammelten persönlichen Gegenständen der Häftlinge wie z.B. Brillen, Haare, Kleidung, Koffer, Kämme, Schuhe und Zahnbürsten.
Wir hatten eine Gruppe jüdischer Mädchen beobachtet, die aus dem Krematorium kommend beteten und weinten. Die Gefühle der Maedchen beeindruckten uns, da wir das Krematorium aus einer anderen Sicht betrachteten und wir daher nicht so stark von unseren Gefühlen ueberwältigt wurden.
Nach dem Abendessen und einer Reflexion des Tages verbrachten wir den Abend in ruhiger gemeinsamer Runde.
Kristin und Pauline

Montag, 26. 3. 2012 – Außenlager Birkenau
Als um 9 Uhr unsere Fuehrung begann, gingen wir als erstes auf den Wachtturm über dem Eingangstor. Von dort aus konnte man alle Baracken sehen, die teilweise zerstört sind, so dass man nur noch die Schornsteine erkennen kann. Man sieht ein Schornstein neben dem anderen!!
Eine Baracke stand neben der anderen.
Danach gingen wir in eine Latrine, wo die unhygienischen Zustaende deutlich wurden. Es sind 66 Löcher in einem langen Betonklotz, die auf zwei Seiten verteilt sind. Dies gab es dort insgesamt dreimal: also 198 Löcher nebeneinander – ohne Vorhang, ohne Tür!
Anschliessend sind wir in eine Holzbaracke gegangen. Dort haben sich teilweise 600-700 Menschen aufgehalten muessen. Wenn man in den Raum kommt, schätzt man, dass dort 100 Menschen hineinpassen. Unvorstellbar, dass dort 600-700 Menschen leben mussten. Geplant war die Holzbaracke für 56 Pferde.
Daraufhin sind wir in die Kinderbaracke gegangen. Dort sind an zwei Wänden zwei verschiedene Zeichnungen, die ein Gruppenleiter für die Kinder anfertigen ließ, damit sie sich in der zugigen, kalten Baracke ohne Eltern oder andere liebe Menschen besser fühlten.
Danach gingen wir den langen Weg zum Krematorium. Neben dem zerstörten Krematorium ist ein Denkmal errichtet worden. Dort befinen sich 21 Gedenksteine, die jeweils den gleichen Gedenkspruch in einer anderen Sprache haben. Als wir weitergingen, sind wir auf einen Graben gestossen, bei dem Häftlinge flüchten wollten. 7 der Haeftlinge haben diese Flucht überlebt, zwei von ihnen leben heute noch. Einer davon war in der Begegnungsstaette zu Gast. Bevor wir zu den Krematorien 4 und 5 gingen, kamen wir an einer Vitrine vorbei, in die gefundenes Geschirr und Bestecke gelegt wurden. Auch heute noch findet man im morastigen Boden noch Gegenstaende, die den Häftlingen gehoerten.
Auf dem Weg dorthin kamen wir zu einem Aschesee. Auch neben den Krematorien war ein Platz, wo die vergasten Menschen im Freien verbrannt wurden. Danach gingen wir noch zu einem Haus, wo der Baderaum (Sauna) fuer die Gefangenen war und die Waesche desinfiziert wurde.
Ich habe am Ende Tages über mein eigenes Leben nachgedacht. Es war kalt in Birkenau und ich hätte mich normalerweise beschwert. Heute tat ich das bewusst nicht, weil mir klar wurde, wie die Häftlinge dort leiden mussten, froren, sich nicht waschen konnten, wenig Essen bekamen, entwürdigt wurden. Ich verstehe durch diesen Tag in Birkenau etwas mehr, was damals passiert ist, trotzdem ist es unvorstellbar.
Selma Belan